Es ist kaum zu glauben, der Brain-Boy (von einem Teil meiner Trainingskinder liebevoll „Bruni“ genannt) ist schon 20 Jahre alt. Damit fast erwachsen und ganz selten krank. Manchmal möchten genau diese Kinder ihn allerdings in die Mülltonne kloppen. „Bruni“ nervt, raubt Zeit und zeigt letztendlich unerbittlich, wo, bei welcher Funktion noch individuelles Training nötig ist. Ja, mit therapiebegleitendem, häuslichem Training ist so manche verhaltenstherapeutische Intervention bei Eltern und Kindern nötig, um alle bei Laune zu halten. So ist das Training durchzuhalten. Manchmal besänftigen erst sichtbare Erfolge, z. B. bessere Noten, ein besseres Zeugnis, eine andere Grundstimmung des Trainierenden oder ein sehr viel positiver verlaufender Elternsprechtag die Gemüter. Im Laufe der Jahre hat sich nicht nur immer wieder der Brain-Boy, sondern auch ich verändert. Ich habe meinen eigenen Stil gefunden, um sehr erfolgreich mit dem Brain-Boy zu arbeiten. Dass ich eine sehr individuelle Förderung anbieten kann, habe ich den vielen Möglichkeiten zu verdanken, die das Warnke-Sortiment bietet. Ständige und viele Aus- und Weiterbildungen führen mich zu meinem Erfolg. Die Arbeit mit „Bruni“ steht allerdings immer im Mittelpunkt. Lediglich der Zeitaufwand verändert sich im Laufe der Therapiedauer.

bbu

Mein erster Kontakt mit dem Brain-Boy war im Jahr 2000 bei einem Seminar in Damme mit Herrn Warnke sen.

Mein erster großer Erfolg heißt Kai und war damals 6 Jahre alt. (Ich habe immer gehofft – aber nicht gewusst –, dass die Arbeit mit Kai zum Erfolg führen würde)

Im Januar 2001 habe ich Kai kennengelernt. Er war zu diesem Zeitpunkt ein Kind mit autistischen Zügen, leerem Blick in die Ferne gerichtet, isoliertem Verhalten und war sprachauffällig.

Kai war in der 36. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt (Mutter Diabetikerin) geboren. Zu Kai gehörten sehr verstörte Eltern, denen die Angst um ihr Kind im Gesicht geschrieben stand.

Im Laufe der Kindergartenzeit war er auffällig geworden. Der Amtsarzt hatte dann angeordnet, Kai dem Kinderarzt vorzustellen. Diagnose: Hirnstrombild EEG nicht altersentsprechend, Herdbefund epileptische Elemente. Weiter in einer benachbarte Uni-Klinik: Diagnose: Irreparable Wahrnehmungsstörungen Auf Nachfrage der Eltern was das denn hieße, wurde ihnen gesagt: „Es konnte diagnostiziert werden, allerdings kann es in diesem Stadium nicht therapiert werden. Es wäre für Kai und alle Beteiligten das Beste, wenn für ihn eine Einrichtung gefunden würde.“

In Zusammenarbeit mit dem Kindergarten, den Eltern und dem Kinderarzt konnte Kai dann 2002 ganz normal in eine erste Klasse eingeschult werden. Der erste Teilerfolg!

Der zweite Teilerfolg: Kai wurde ganz normal von der zweiten Klasse in die dritte Klasse versetzt.

Der dritte Teilerfolg: Nach jährlichen Kontrollen beim Kinderarzt am 05.07.2004 war das EEG altersentsprechend, kein Herdbefall, keine epileptischen Elemente mehr.

Mein Therapieplan für Kai:

Am Anfang erschien die Durchführung manchmal mehr oder weniger aussichtslos. Danach haben wir uns im wahrsten Sinne des Wortes immer mehr aufgerichtet. Aus der Bauchlage hat Kai sich immer mal wieder auf die Ellbogen gestützt, und dann hat er kniend gearbeitet. Im weiteren Therapieverlauf hat er am Stehtisch und dann am Tisch sitzend gearbeitet, ohne dass er vom Stuhl fiel. Schon in der Schule durfte er die ersten Jahre in der Kuschelecke in Bauchlage arbeiten, wenn seine Aufmerksamkeit nachließ.

Kai wurde immer aufmerksamer, er wurde immer wacher, seine Auffassung, um neuen Stoff zu lernen, wurde altersgerechter, Merkfähigkeit, mehrspuriges Denken, Lang- und Kurzzeitgedächtnis baute sich mehr und mehr auf. Es war einfach nur wunderbar. Für mich war es ein sehr emotionaler Moment als Kai sich das erste Mal gefreut hat, meinen Therapiehund zu sehen, wie er auf dem Trampolin gelacht hat, den Ball gefangen hat, ohne Weinen auf die Wippe gegangen ist, sich an seine Mutter gekuschelt hat usw. Der Gedanke an die Zeit lässt mich jetzt noch feuchte Augen bekommen. Und so wurde Schritt für Schritt alles immer leichter für alle Beteiligten. Die Low-Level Funktionen kamen immer mehr in den Normbereich.

Kai hat mit einem Notendurchschnitt von 3,0 und guten Kopfnoten den Hauptschulabschluss geschafft. Er hat seinen Mofa- und Autoführerschein gemacht. Infolge eines Praktikums hat er sofort einen Ausbildungsplatz bekommen und macht jetzt seine Gesellenprüfung. Er weiß jetzt schon, dass er übernommen wird. Ich stehe immer noch mit Kai und der Familie in Kontakt und darf mich bei jedem Erfolg mitfreuen. bbu

Das ist aber kein Einzelfall, ich habe noch mit einigen Ehemaligen Kontakt und werde in der Pubertät (wenn Eltern schwierig werden) nicht nur von Eltern kontaktiert, sondern auch von den Kindern.

Bei diesen Kontakten überprüfe ich schon aus eigenem Interesse alle Low-Level Funktionen und kann sagen, dass das Training eine Langzeitwirkung hat.

Meine Therapie sieht so aus: Jedes Kind hat seinen Brain-Boy zuhause und trainiert mit Auge/Ohr. Einmal im Monat ist ein Kontrolltermin in meiner Praxis. Eine volle Stunde, um vielleicht noch ein individuelles Lese-, Lateral-, Rechtschreib- und/oder Gleichgewichtstraining, sowie Biofeedback usw. hinzuzufügen. Die Kinder bekommen einen Trainingszettel für die Erledigung der Hausaufgaben mit nach Hause.

Zu meiner Therapie gehören regelmäßige Gespräche mit den Eltern oder auch mit Lehrern.

In der Hoffnung, dass „Bruni“ noch lange Zeit weiterentwickelt und zur Therapie zur Verfügung steht verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Erika Hoffmeister

PS der Redaktion: Die Personen auf den Bildern sind nicht Kai und seine Eltern.